Großindustrie, drei Werkshallen, 58 Unterverteilungen
Der Kunde — ein Großindustriebetrieb in Regensburg mit 24/7-Schichtbetrieb — hatte seine letzte vollständige DGUV-V3-Prüfung der ortsfesten elektrischen Anlagen vor sechs Jahren durchführen lassen. Im Rahmen einer turnusmäßigen Sicherheitsbegehung wies die Berufsgenossenschaft auf die fällige Wiederholungsprüfung hin.
Der Anlagenbestand: 58 Unterverteilungen, verteilt auf drei Werkshallen unterschiedlichen Baujahres. Hauptverteilung mit eigener Trafostation, mehrere Etagenverteiler, Maschinen-Direktversorgungen, eine Schweißerei mit eigener Verteilung, zwei E-Ladestationen für die Werks-Logistik.
Anforderung der Werksleitung: möglichst geringer Produktionsausfall. Eine komplette Werksabschaltung war wirtschaftlich nicht darstellbar — die Produktion läuft im Drei-Schicht-System.
Betriebsruhe vs. laufender Betrieb — wir haben für jede Verteilung einzeln entschieden
DGUV V3 / DIN VDE 0105-100 erlaubt zwei Wege: Prüfung im spannungsfreien Zustand (vollständige Messung inkl. Isolation) oder Sicht- und Schutzleiterprüfung im laufenden Betrieb, ergänzt durch Stichproben-Messungen.
Wir haben für jede der 58 Verteilungen einzeln entschieden, welcher Weg sinnvoll ist — in Abstimmung mit Werksleitung und Fertigungsleiter:
- 41 Verteilungen wurden im laufenden Betrieb geprüft — Etagenverteiler, Bürobereiche, unkritische Maschinenversorgungen. Sicht, Schutzleiter, RCD-Funktion, Stichproben-Isolation an freischaltbaren Abgängen.
- 17 Verteilungen wurden in einer eigens vereinbarten Wochenend-Betriebsruhe komplett spannungsfrei gemessen — Hauptverteilung, Trafostations-NSV, Verteilungen mit kritischen Maschinen-Direktversorgungen.
- 0 Stunden Produktionsausfall für den laufenden Auftragsbestand — die einzige Stillstandszeit war das ohnehin freie Wochenende.
Tag für Tag — der Projektverlauf
Insgesamt 9 Werktage von der Bestandsaufnahme bis zur Übergabe des BG-konformen Prüfprotokolls. Hier der Verlauf:
- 1 Tag 1 — Bestandsaufnahme & Schaltplan-Abgleich
Begehung der drei Werkshallen, Erfassung aller 58 Unterverteilungen, Abgleich mit den Stromlaufplänen, Klärung der Prüfreihenfolge mit der Werksleitung und Sicherheitsfachkraft. Eindeutige Prüfnummern an jeder Verteilung.
- 2 Tag 2–4 — Prüfung im laufenden Betrieb
Sichtprüfung, Schutzleiter-Durchgängigkeit, RCD-Auslösewerte, Funktionsprüfung an 41 Verteilungen ohne Freischaltung. Stichproben-Isolationsmessung an freischaltbaren Abgängen. Komplett im laufenden Drei-Schicht-Betrieb erledigt.
- 3 Tag 5 — Wochenend-Betriebsruhe
17 kritische Verteilungen (Hauptverteilung, Trafostations-NSV, Maschinen-Direktversorgungen) freigeschaltet und vollständig spannungsfrei gemessen — Isolation 0,5 / 1,0 kV, RCD-Stromauslösung, Schleifenimpedanz.
- 4 Tag 6–7 — Mängelbehebung & Nachprüfung
Kleinmängel direkt vor Ort behoben (lockere Klemmen, fehlende Beschriftungen, defekte Plomben). Größere Befunde — 2 defekte FI-Schalter und 1 Heißpunkt-Verdacht — als Mängelliste mit Wiedervorlage dokumentiert.
- 5 Tag 8–9 — Dokumentation & Übergabe
Vollständiges BG-konformes Prüfprotokoll als PDF mit Geräteliste, Messwerten je Verteilung, Mängelliste und Wiedervorlage-Plan. Plakettierung jeder Verteilung. Übergabe an Werksleitung und Sicherheitsfachkraft.
Was wir gefunden haben — 22 Befunde in 58 Verteilungen
Eine Mängelquote von rund 12 % — branchentypisch für einen Industriebestand mit gewachsener Anlagenstruktur. Die Befunde im Detail, gestaffelt nach Schweregrad:
Heißpunkt-Verdacht an Sammelschiene
×1In der Trafostations-NSV erhöhte Erwärmung an einer Klemmstelle festgestellt — Verdacht auf lose Schraubverbindung. Sofort markiert, am Wochenende in der Betriebsruhe nachgezogen, Thermografie-Folgemessung empfohlen.
Defekte FI-Schutzschalter (RCD)
×2Zwei FIs lösten beim T-Knopf-Test nicht mehr aus. Sofortmaßnahme: betroffene Stromkreise auf Verteilung mit funktionierendem RCD parkiert, Tausch in Folgeumsetzung dokumentiert.
Isolationswert grenzwertig (1–10 MΩ)
×3In drei abgehenden Stromkreisen Werte unter 10 MΩ — noch im Toleranzbereich, aber Trend-Indikator. Wiedervorlage in 12 Monaten dokumentiert.
Lockere Klemmstellen
×7Sieben lockere Schraubverbindungen — vor Ort nachgezogen, kein Folgeaufwand für den Kunden. Typisch für Verteilungen mit > 8 Jahren Standzeit.
Fehlende oder unleserliche Plomben
×5Fünf Verteilungen ohne gültige Plombe oder mit unleserlichem Plomben-Label. Ersetzt + dokumentiert.
Beschriftungs-Mängel
×4Vier Verteilungen mit unvollständiger Beschriftung der Stromkreise. Sofort vor Ort beschriftet und in den Schaltplan übernommen.
Empfehlung an den Kunden: Aufgrund des Heißpunkt-Verdachts haben wir eine jährliche Thermografie-Routine für die Hauptverteilung empfohlen. Wärmebildaufnahmen erkennen lose Klemmstellen, bevor diese zur Überhitzung führen — Standard für Industriebestände > 1 MVA.
Das Ergebnis — vollständig dokumentiert, BG-konform, ohne Beanstandung
Das BG-konforme Prüfprotokoll umfasst alle 58 Verteilungen mit detaillierten Messwerten, Mängelliste mit Wiedervorlage-Plan und Empfehlung für die jährliche Thermografie der Hauptverteilung. Der Kunde hat das Protokoll bei der nächsten BG-Begehung vorgelegt — ohne Beanstandung.